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Nistkästen, Hochstämme und Heumahd - Alles unter Kontrolle

Nicht auf jeder Streuobstwiese in Schwaben wächst schwäbisches WiesenObst.

Der Verein Schwäbisches Wiesenobst e.V. hat Kriterien definiert: bei schwäbischem WiesenObst geht es um die Erhaltung einer Kulturlandschaft durch nachhaltige Bewirtschaftung. Wer seine Fläche bei WiesenObst registrieren lässt muss diese Kriterien erfüllen – und das macht Kontrollbesuche durch einen unabhängigen Auditor nötig.

Wie läuft so eine Kontrolle ab, fragten wir uns – mein Mann, Martin Kunz, verantwortlich für die Kasse bei WiesenObst und ich, von Beruf Journalistin. Mitte Juli führte Roland Sauter von ABCert drei Tage lang die WiesenObst Kontrollen durch. Kontrolliert werden muss die mathematische Wurzel aus der Zahl der Flächenbesitzer plus 1. Für WiesenObst heißt das: 15 Betriebe. Dazu kamen alle zertifizierten Bioflächen, die jährlich kontrolliert werden. Katrin Schimmele von WiesenObst organisierte die Route und wir kamen mit.

Wir starten früh. Laut Wetterbericht wird der Tag heiß und sonnig, aber jetzt, am Morgen, ist es noch angenehm kühl.
Die erste Fläche auf unserer Route liegt an einem Hang am Waldrand. Von dort hat man einen weiten Blick über das Tal in Richtung Göppingen. ‚Idylle‘ ist ein Wort, das Journalisten selten verwenden, aber diese Streuobstwiese ist an diesem Morgen genau das: das Gras ist noch feucht vom Tau, Vögel singen in einer Hecke, ein paar Kuhglocken sind zu hören und ganz in der Nähe meckern einige Ziegen. Roland Sauter und Katrin Schimmele interessiert das wenig. Sie sind über eine Karte gebeugt, auf der die Schläge eingezeichnet sind, und vergleichen sie mit dem Punkt, den Google Earth als unseren Standort identifiziert. Wir stehen auf der richtigen Wiese – aber welche Bäume gehören zum WiesenObst Stück, welche schon zum Nachbarn?

Für die Registrierung einer Fläche bei WiesenObst müssen nicht nur die Grundkriterien erfüllt sein, z.B. stark wachsende Unterlagen und eine bestimmte Baumdichte pro Hektar, die nicht überschritten werden darf, sondern es müssen auch mindestens vier Bonuspunkte durch die Erfüllung einiger Wahlkriterien erreicht werden.

In Katrin Schimmeles Datei sind neben dem Namen des Besitzers die Nummer des Schlages verzeichnet, die Fläche, die Zahl der Bäume, und Angaben bezüglich der Zusatzkriterien. Der Besitzer dieser Streuobstwiese hat ‚alte Sorten‘, ‚Nachpflanzung‘, ‚Nisthilfen‘ und ‚Hochstämme‘ angegeben.

Roland Sauter prüft zunächst die Grundkriterien und zählt die Bäume. Alles in Ordnung, sie stehen nicht zu dicht und in einer Lücke wurde nachgepflanzt. Der erste Bonuspunkt ist gesichert. Beim Gang durch die Wiese sieht er eine Reihe von Nisthilfen und bei den meisten Bäumen ist an den Früchten sofort erkennbar, dass es sich um alte Sorten handelt. Aber Hochstämme sieht er keine. Im Gespräch mit Katrin Schimmele wird schnell klar, dass es hier noch Erklärungsbedarf von Seiten des WiesenObst Vereins gibt: bei einem Hochstamm beginnt die Verzweigung erst ab einer Höhe von 1,80, eine stark wachsende Unterlage ist nicht automatisch ein Hochstamm. Das muss noch besser geklärt werden. Ein Problem gibt es bei dieser WiesenObst Fläche dennoch nicht. Der Besitzer mäht das Gras nicht sondern macht Heu, und das ist als baumverträgliche Unternutzung einen Bonuspunkt wert. Katrin Schimmele ist beeindruckt mit welcher Sorgfalt hier geheut wurde: an allen Bäumen gibt es tief herabhängende Zweige. Häufig werden sie aus Bequemlichkeit gekürzt, damit sie bei der Mahd nicht im Weg sind.

Die zweite Fläche, die es zu kontrollieren gilt, liegt ganz in der Nähe. Hier wurden die Bäume in Reihen gepflanzt und stehen relativ dicht, aber zwischen den Reihen ist vergleichsweise viel Platz. Da es nicht um Einzelabstände sondern um die Baumzahl pro Fläche geht, ist alles in Ordnung. Und der weite Abstand zwischen den Reihen macht auf dieser Fläche die ‚baumverträgliche Unternutzung‘ möglich: hier weiden die Ziegen, die wir schon von Ferne gehört hatten. Von den Bäumen trennt sie ein Elektrozaun und das ist gut so: Ziegen stellen sich nicht nur auf die Hinterhufe, um an den Zweigen zu knabbern, sie können sogar klettern.

Wir steigen wieder ins Auto und sind auf dem Weg zur nächsten Fläche. Zunächst scheint es sich um eine gewöhnliche Streuobstwiese zu handeln, doch dann entdecken wir zwei Reihen eng gepflanzter Bäume auf schwachwüchsigen Unterlagen.

Roland Sauter konsultiert die Unterlagen. Die Reihen mit Tafelobst sind klar als bewirtschaftete Fläche innerhalb der Streuobstwiese gekennzeichnet. Der Besitzer ist anwesend und erklärt uns, dass er hier moderne Sorten gepflanzt habe, Obst für den frischen Verzehr. Solange die Früchte getrennt geerntet werden und das Tafelobst von den schwachwüchsigen Unterlagen nicht als WiesenObst abgeliefert werde, sei das kein Problem, sagt Sauter und beginnt mit der Kontrolle auf der beim WiesenObst Verein angemeldeten Fläche. Hier stehen Boskop, Blenheim, Jakob Fischer und weitere alte Sorten. Er habe fünf Enkelkinder und für jedes habe er einen Baum mit dessen Namen gepflanzt – der jüngste ist Lucas. Er stelle selbst Saft her, sagt der Besitzer, den Rest liefere er ab. Hier wird optisch besonders deutlich, wie sehr sich moderne Pflanzungen und Streuobstwiesen unterscheiden: in den beiden Reihen Tafelobst stehen 60 Bäumchen dicht gedrängt und wirken beinahe wie eine Hecke,  die 135 WiesenObst Bäume sind auf einer um das Vielfache größeren Fläche verteilt, jeder Baum hat Platz, eine mächtige Krone zu entfalten. Noch etwas anderes fällt auf: das Gras zwischen den Bäumen wird nicht zu Heu gemacht, sondern regelmäßig gemäht. Das erleichtert die Arbeit, aber die Artenvielfalt ist geringer, Gras und Moos dominieren, es gibt wenig zweiblättrige Pflanzen, von verschiedenen Kleearten und wilden Möhren bis zu Frauenmantel, Sauerampfer, Schaumkraut und Storchschnabel.

Die nächste Fläche, die wir besuchen, ist lang und schmal. Der Besitzer erwartet uns schon. Die Wiese existiere seit 1922, erzählt er uns, als seinem Schwiegervater die Arbeit zu viel wurde, habe er sie eigentlich verkaufen wollen, aber seine Frau habe nur gesagt: ‚Das übernehmen wir‘. Seit dem Tod seiner Frau vor einigen Jahren kümmert sich allein um die Bäume, nur für die Ernte kommen die erwachsenen Töchter mit ihren Familien aus verschiedenen Teilen Deutschlands um zu helfen. Jeder Baum hat seine Geschichte. Der älteste ist eine Gewürzluike die demnächst 100 Jahre alt sein wird. Man sieht ihr das Alter an, aber Früchte trägt sie noch immer, wenn auch nicht mehr so viele. Die tiefhängenden Zweige sind abgestützt. Liebevolle Pflege heißt nicht, dass jeder Baum wachsen kann wie er will: Wir sehen Baumerziehung mittels waagrechter Hölzer, die bestimmte Zweige etwas nach unten drücken, damit sich der Leitast besser entwickeln kann.

Inzwischen ist es später Vormittag und heiß. Die nächst Fläche ist groß, mit vielen alten Birnen- und Apfelsorten, dazu Mirabellen, Kirschen und anderem Steinobst. Im Schatten der Bäume ist es noch angenehm kühl, es riecht nach warmem Gras, außer dem Zirpen der Grillen und dem leisen Rauschen des Windes in den Blättern ist nichts zu hören. Roland Sauter und Katrin Schimmele klären die Frage, ob für diese Fläche bereits eine Bodenprobe vorliegt. Bei mir ist die Versuchung groß, mich ins Gras zu legen und durch die Baumkronen in den tiefblauen Sommerhimmel mit den dahin driftenden Kumuluswölkchen und gefiederten Wolken zu schauen.

Am Nachmittag zeigen sich die weniger schönen Seiten des Kontrolleursdaseins. Reichenbach im Täle liegt in einem Empfangsloch, das GPS funktioniert nicht – was immer noch besser ist, als vom SatNav in die Irre geführt zu werden.

Am nächsten Tag leitet es uns über einen Parkplatz auf immer schmalere Straßen und schließlich einen Weg, der vor einer Hecke endet während die SatNav Stimme insistiert, es gehe geradeaus weiter. Aber zurück zu Reichenback im Täle. Wir suchen mit Hilfe der Google Satellitenaufnahme und der Flurkarte nach Anhaltspunkten. Eine Fläche liegt am Wald, eine weitläufige, extensive genutzte Wiese mit einigen wunderschönen Baumriesen.

Die Suche nach der nächsten Fläche gestaltet sich problematisch. Katrin Schimmele hat die Kontrollbesuche nicht nur angemeldet, sondern auch gewissenhaft die Termine koordiniert. Es besteht kein Zweifel daran, dass wir im dritten Anlauf das richtige Stückle gefunden haben, aber wir stehen vor einem verschlossenen Tor.

Fast eine halbe Stunde suchen wir nach einem anderen Zugang – vergeblich. Und was wir über den Zaun hinweg sehen ist wenig vielversprechend: das Gras ist über hüfthoch. ‚Baumverträgliche Unternutzung heißt nicht, gar nichts zu machen‘, murmelt Roland Sauter. Auch die Bäume sehen ungepflegt aus, alles macht einen verkommenen Eindruck. Und eine unbewirtschaftete Fläche dient keineswegs dem Artenschutz, erklärt er, im Gegenteil, die Artenvielfalt nimmt ab.

Wir haben an diesem Tag viele sehr gepflegte, aber in ihrer Art sehr unterschiedliche Streuobstwiesen gesehen, aber der letzte Besuch zeigt, wie wichtig Kontrollen sind.

garantierte herkunft / tief verwurzelt / echter geschmack